Vize-Bürgermeister und CDU-Fraktionschef verschiebt Gedenkaktion für Nazi-Opfer. SPD spricht von Riesen-Blamage
Bad Oldesloe. Weil der Oldesloer Hans Wöltje Mitglied der von den Nazis verbotenen "Internationalen ernsten Bibelforscher" (IEB) war, wurde er mehrfach zu Haftstrafen verurteilt, kam schließlich ins Konzentrationslager Dachau und starb dort 1942 im Alter von 45 Jahren. Weil sich die Oldesloer Stadtverordnete Angela Fehrmann (CDU) von der Stadtverwaltung übergangen fühlte, ist jetzt die Einsetzung eines Gedenksteins verschoben worden. Der von dem bekannten Künstler Gunter Demnig angefertigte Stolperstein sollte eigentlich am 28. September vor Wöltjes letztem Wohnsitz (Hindenburgstraße 49) ins Trottoir eingefügt werden.
Daraus wird nichts. Der stellvertretende Bürgermeister Horst Möller, zugleich CDU-Fraktionsvorsitzender, hat den Termin absagen lassen. "Ich finde das ganz schlecht", sagt Günter Kieschke, der Vorsitzende der Zeugen Jehovas in Bad Oldesloe. Seine aus der IEB hervorgegangene Gemeinschaft hat den Gedenkstein beantragt und will ihn auch bezahlen. Seit Mitte 2009 verhandelte Kieschke mit der Stadtverwaltung darüber. Alles schien geklärt. Gunter Demnig, der mehr als 15 000 Stolpersteine mit den Namen von Opfern des Nazi-Regimes hergestellt hat, war einverstanden, ebenso die Volksbank, der das Gebäude in der Hindenburgstraße heute gehört. Die Stadtarchivarin Sylvina Zander hatte die Verlegung des Steins organisiert. Am Mittwoch wollte sie die Mitglieder des Sozialausschusses darüber informieren. Dort kam es zum Eklat: Die Vorsitzende Angela Fehrmann (CDU) sah in dem ihr bis dahin unbekannten Projekt einen Alleingang der Verwaltung. "Der Ausschuss hätte beteiligt werden müssen, das Thema gehört auch in die Fraktionen. Es ist ja vielleicht bei dem einen oder anderen nicht ganz unstrittig, ob das mit dem Stein so gemacht werden soll. Außerdem sagte mir der Name Hans Wöltje nichts."
Tags darauf ließ der CDU-Fraktionschef Horst Möller, der den urlaubenden Bürgermeister Tassilo von Bary vertritt, die Steinverlegung am 28. September absagen. "Das ist eine Geschichte mit hoher Außenwirkung, das kann nicht der Bürgermeister allein entscheiden", sagt Möller. Nun solle zunächst der Sozialausschuss über eine Verwaltungsvorlage zum Stolperstein beraten, und über dessen Beschlussempfehlung werde dann in der Stadtverordnetenversammlung Ende Oktober endgültig abgestimmt. "So etwas geht nicht nach dem Motto 'Bumms fertig'", sagt Möller. "Da fehlte es ganz eindeutig an Fingerspitzengefühl seitens der Stadtverwaltung." Der Gedenkstein sei aber "an sich okay". Möller: "Das wird in der Stadtverordnetenversammlung ohne Problem über die Bühne gehen."
Günter Kierschke von den Zeugen Jehovas hat da mittlerweile so seine Zweifel. "Ich bin ein bisschen unsicher, dass das noch was wird." Er kann nicht verstehen, dass eine nicht ausreichende Information der Politiker durch die Verwaltung offenbar dazu führt, einen bereits fest vereinbarten Termin einfach zu streichen. "Da wird der Falsche bestraft", sagt er. Es dränge sich ihm nun ein Gedanke auf: "Hätte man so auch gehandelt, wenn es um einen Menschen gegangen wäre, der einer anderen verfolgten Gruppe als der der Bibelforscher angehört hätte?"
Hagen von Massenbach, der SPD-Fraktionsvorsitzende, ist angesichts der Entscheidung des amtierenden Bürgermeisters "fassungslos". "Es steht völlig außer Zweifel, dass Hans Wöltje ein Nazi-Opfer ist. Sein Schicksal ist bekannt, es gibt schon seit langem eine Broschüre, in der es geschildert wird. Die Absage ist eine Riesenblamage für die Stadt."
Gunter Demnig sei ein renommierter Künstler, seine Stolperstein-Aktion bundesweit bekannt. "So ein Stein zeigt ja auch, dass sich eine Stadt mit ihrer Geschichte auseinandersetzt. Wir sollten dankbar sein, dass Gunter Demnig nach Bad Oldesloe kommt. Stattdessen laden wir ihn aus. Es ist unfassbar."
Hagen von Massenbach ist durchaus der Ansicht, dass der Bürgermeister Tassilo von Bary die Politiker früher über die geplante Ehrung für Hans Wöltje hätte informieren sollen. Das hätte man ihm nach seinem Urlaub mitteilen können. "Aber gleich die Verlegung des Gedenksteins abzusagen: Das geht nicht. Da kann auch der stellvertretende Bürgermeister nicht etwas rückgängig machen, was der Bürgermeister schon entschieden hat."
Hätte also ein mahnendes Wort an Tassilo von Bary gereicht? Horst Möller ist nicht dieser Ansicht. "Hätte ich die Veranstaltung nicht abgesagt, hätte ich mich gegen die Kommunalpolitiker gestellt", sagt er. "Vielleicht nicht gegen die der SPD, aber gegen die der CDU und der FDP."
Die CDU vertritt Möller selbst, deshalb wird das wohl stimmen. Aber die FDP? "Ich hätte an Horst Möllers Stelle nicht so gehandelt. Da wird offenbar irgendein Streit mit dem Bürgermeister ausgetragen", sagt Karl-Reinhold Wurch, Fraktionschef der Liberalen.
Horst Möller versucht, der Verzögerung eine positive Seite abzugewinnen. "Dass über dieses Thema jetzt im Ausschuss und in der Stadtverordnetenversammlung debattiert wird, könnte der Sache doch nützen." Und Angela Fehrmann will sich nun erst einmal informieren - über Hans Wöltje und über die Aktion Stolpersteine. "Ich sehe die Sache ergebnisoffen."
Kommentar
CDU stolpert über Stolperstein
Stadtverordnete haben ein wichtiges Amt. Stellvertretend für uns Bürger sollen sie dafür sorgen, dass die Stadt solide wirtschaftet, die Verwaltung ihre Arbeit ordentlich macht und die Kindergärten vergrößert werden, wenn die Einwohnerzahl wächst.
Aber es gibt auch Dinge, um die sich die Politiker nicht zu kümmern haben. Der Gedenkstein für Hans Wöltje ist eine von den Aufgaben, die getrost dem Bürgermeister und der Verwaltung überlassen werden können. Glaubt die CDU denn im Ernst, dass im Rathaus niemand geprüft hat, ob Wöltje tatsächlich ein Opfer der Nazi-Ideologie geworden ist? Ist die Einhaltung der Regularien wirklich so wichtig, dass ein Imageschaden für die Stadt in Kauf genommen werden muss? Es bleibt vieles unverständlich an der Begründung für die Aktion der Sozialausschussvorsitzenden und des amtierenden Bürgermeisters.
Deshalb entsteht der Eindruck, dass für die CCU dieser Gedenkstein zum Mühlstein wird. Dass sie eigentlich gern sagen würden, sie wollen ihn nicht. Sich aber nicht trauen, ihre Ablehnung zu formulieren. Aber vielleicht täuscht dieser Eindruck ja. Dann wäre er schnell zu reparieren, und es ginge ohne Gesichtsverlust für die CDU: mit Sondersitzungen von Ausschuss und Stadtverordnetenversammlung vor dem 28. September. Noch steht der Termin in Bad Oldesloe auf Gunter Demnigs Internetseite. Macht es - Hans Wöltje zuliebe.






































































































































































































































































